Zoologie / Rund um das Sikawild / Forstliche Auswirkungen
Forstliche Auswirkungen des Sikawildes in seinen europäischen Vorkommen
 
 
Von Wulf-Henning von Rumohr-Rundhof
 
 
 
In vielen europäischen Ländern, im Osten wie im Westen, gibt es seit einigen Jahrzehn­ten in freier Wildbahn das ursprünglich im ostasiatischen Raum beheimatete Sikawild (Cervus nippon). Es ist in seinen heutigen Gastarealen heimisch geworden und wird dort inzwischen, dem Nachhaltigskeitsprinzip entsprechend, bejagt und bewirtschaftet, wie jede andere Schalenwildart auch, die einer Abschussplanung unterliegt. Sika bedeutet in Ostasien soviel wie „Hirsch". In der Tat gehören die Sikas zu der Gruppe der Echthirsche (Cervinae) und zur Familie der Cervidae. Nach K. Whitehead gibt es 13 Unterarten, nämlich sechs Festland- und sieben Inselformen.
 
Bei den in Europa heimisch gewordenen Unterarten handelt es sich hauptsächlich um den kleinen Japanischen Sika (Cervus nippon nippon) sowie um den größeren Dybowski­hirsch (Cervus nippon hortulorum dybowskii Taczamowski, 1878). Auf den Britischen Inseln existieren daneben auch noch in beträchtlicher Zahl der größere Formosahirsch (Cervus nippon taiouanus), der auf Taiwan beheimatet ist, und der ebenfalls größere Mandschurische Sika (Cervus nippon mantschuricus Swinhoe, 1884).
 
Das natürliche Verbreitungsgebiet des Sikawildes erstreckt sich vom Ussuri-Gebiet über Japan bis in den Süden Vietnams.
 
1860 brachte die zoologische Gesellschaft von London einige Exemplare in den dortigen Regent's Park, im selben Jahr auch über den Tierhändler
Jamrach in den Powerscourt Park, Grafschaft Wicklow nach Irland. In England/Wales gibt es heute 11 Vorkommen, in Schottland 8 und in Irland 5. In Deutschland war die Firma Hagenbeck, Hamburg der Hauptimporteur von Sikawild. 1893 wurde es erstmals am Möhnesee eingebürgert (Eick 1972), später, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch in Ostangeln/Schles­wig-Holstein, im Weserbergland, am Hochrhein und in einigen weiteren kleineren Gebie­ten, so wie 1905 beim Fürsten Pleß in der Oberförsterei Kobierer Forst/Oberschlesien (polnisch „Kobior") und 1910 durch Kaiser Wilhelm II. im ostpreußischen Cadinen, nördlich von Elbing am Frischen Haff, der heutigen (polnischen) Oberförsterei „Ka­dyny".
 
In folgenden europäischen Staaten gibt es ebenfalls Sikawild: Dänemark (13 Vorkom­men, 1900 und 1909 aus Irland und von Hagenbeck, Bestand etwa 474 Stück), Frank­reich (im 900 ha Parkgatter von Rambouillet, Geschenk des japanischen Kaisers an den frz. Präsidenten, Bestand etwa 90 Stück, ein 2. Vorkommen, in der freien Wildbahn, im Forêt de la Harth, 20 Stück plus 70 Stück im Gatter), Orland (Killarney National Park, ca. 800 Stück), Österreich (2 Vorkommen, etwa 430 Stück), Schweiz (im Südranden/ Schaffhausen, ab 1917 vom Hochrhein/Deutschland zugewandert, Bestand ca. 100 Stück). Sowjetunion (9 Vorkommen in Mittel- und Westrußland, Bestand ca. 1400 Stück). CSFR (2 Vorkommen bei Pilsen-Nord mit C. n. hortulorum, 874 Stück bei Bou­zovsko, C. n. nippon, 450 Stück) und Ungarn (Fehervärcsurgö, C. n. hortulorum, be­stand 115 Stück, eingeführt 1910 von Hagenbeck und ergänzt 1958 und 1969 aus dem Budapester Zoo und 1975 hortulorum aus der UdSSR, Bestand 63 nippon, 52 hortulo­rum). Die Bestände betragen in der Bundesrepublik ca. 1.200 Stück, im heutigen polni­schen Gebiet (Ostpreußen, Oberschlesien) ca. 195 und in Großbritannien etwa einige Tau­send Stück. Waldhygiene 18, 181-199 (1990) © Krug-Verlag Würzburg ISSN 0511-0939
 
 
 
 

Abb. 1: Sikawild-Vorkommen in Europa

* eingebürgert * beschriebenes Vorkommen • Gattervorkommen

Die kleineren Unterarten erreichen knapp Damwildgröße, während die Dybowskihir­sche mit der Körpergröße zwischen Dam- und Rotwild liegen.
 
 
 
Die Sommerdecke ist röt­lich mit hellen Tupfen. Foto: Ernst Klettner ©
 
 
 
Die Winterdecke ist recht dunkel bis schwarz mit kaum auffälligen Tupfen.
Foto: Ernst Klettner ©
 
Der große weiße Spiegel kann bei Schreckzustand weit aufgespreizt werden. Die Brunft ist lang gezogen und findet von September bis Ende November statt.
 
Der Brunft­schrei ist mehr mit einem lang gezogenen Pfeifen zu vergleichen, das in einem gurgelnden Geräusch endet. In der Brunft werden Brunftkuhlen ausgeschlagen, meist unter einem herunterhängenden Nadelholzzweig, der wütend bearbeitet wird. Auch werden Suhlen angelegt, wobei anmooriger Boden bevorzugt wird.
 
Das Verhalten ist ähnlich wie beim Rotwild (Rudelverhalten, Familienverband p. p.). Das Geweih erreicht in der Regel nur die Achterstufe, in Ostangeln und Dänemark jedoch auch häufig mehr Enden und Kronen. Es wird im April abgeworfen und ist Ende August fertig geschoben. Das Sikawild ist gesund und winterhart, sowie recht standorttreu, wenn es nicht zu sehr durch den Menschen (Touristen, Jagddruck) gestört wird. Es braucht ru­hige Einstände, verträgt sich aber mit allen anderen Cervidenarten ausgezeichnet, insbe­sondere mit Rot-, Dam- und Rehwild. Sein Wildpret ist besonders zart und schmackhaft und wird von keiner anderen Hirschart übertroffen.
 
Der Sikahirsch ist dem Rothirsch sehr nahe verwandt, weniger jedoch mit den primiti­veren ostasiatischen Sechserhirscharten (Rusahirsch, Axishirsch usw.) und noch weniger mit dem Damhirsch, wie die morphologische Analyse der spezifischen Geweihformen al­ler plesiometacarpalen Hirscharten erkennen lässt. Manch andere Verhaltensweisen un­terstreichen ebenso die These, dass der Sikahirsch die Urform des Rothirsches ist. Kreu­zungen zwischen Sikawild und Rotwild sind möglich, ebenso auch zwischen allen Sika­unterarten. Alle diese Kreuzungsprodukte sind selbst weiter fruchtbar. In Revieren, in de­nen gleichzeitig Rot- und Sikawild oder verschiedene Sikawildunterarten anzutreffen sind, haben Jagdbehörden und Revierbewirtschafter eine hohe Verantwortung für die Echtheit dieser kostbaren Wildarten (K. Meunier 1980). Die Vermischung der Sika­unterarten ist leider schon mancherorts vonstatten gegangen. Die Internationale Arbeits­gemeinschaft Sikawild (I.A.G.S. (heute I.G.S.) unterscheidet daher nur noch in kleinere und größere Formen, wobei die Schädellänge als Kriterium gilt (18 cm von der Schädelnaht bis zur Na­senbeinspitze). Kreuzungen mit Rotwild kommen seltener vor, wenn beide Wildarten reichlich vorhanden sind und daher kein „sexueller Notstand" entsteht. Kreuzungspro­dukte kann man in der Regel erkennen und sollte sie so bald wie möglich erlegen, nicht zuletzt deswegen, weil diese, je mehr Rotwildblut in ihren Adern fließt, desto mehr Wild­schäden anrichten, wie z.B. schälen.
  
 
Die einzelnen Vorkommen
 
Die Besonderheiten des Sikawildes in seinen verschiedenen europäischen Habitaten möchte ich mit der Beschreibung einiger Vorkommen verdeutlichen. Verschiedene Stand­ortfaktoren und Lebensbedingungen führten zu z. T. recht unterschiedlichem Verhalten gegenüber der „Sikaumwelt".
 
 
Vorkommen Möhnesee
 
Im Jahre 1893 wurden 6 bis 10 Stück Sikawild in ein 600 ha großes Gatter eingesetzt mit späteren Ergänzungen aus dem Zoo München. Schneebruch zerstörte das Gatter 1936 teil­weise, so dass einige Stücke entweichen konnten. 1945 wurde das Gatter ganz geöffnet. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich heute dort über ein Areal von 28.000 ha. Der Be­stand beträgt ca. 800 Stück. Der Lebensraum ist ein hügeliges Waldgebiet mit steilen Rin­nen und Bächen in 200-500 m ü. NN. Hauptbaumart ist die Rotfichte. Das Sikawild lebt hier zusammen mit Rot-, Schwarz- und Rehwild.
 
Der Hauptschaden bestand in den ersten Jahren im Verbiss und der Wurzelschäle an den Fichten. Später erfolgte auch die Schäle an jungen Stämmen von Fichte, Buche und Lärche, ähnlich, wie durch das Rotwild. Auf einer Exkursion der Internatinalen Arbeitsgemeinschaft Sikawild I.A.G.S. im Juni 1977 stellte es sich jedoch heraus, dass die Schäden durch das Sikawild, verglichen mit denen des Rotwildes, verhältnismäßig gering anzusehen sind.
 
Forstdirektor Stier, Leiter eines Privatforstamtes im Arnsberger Wald, führte die leicht zunehmende Tendenz der Wild­schäden auf die ohnehin armen Sandstein- und Grauwacke-Verwitterungsböden zurück. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, bemühe er sich, die Belange des Waldbaus und der Wildhege durch eine Verbesserung des Äsungsangebotes in Einklang zu bringen (Prof. Dr. Stichmann 1977). Ein durchgeführter scharfer Reduktionsabschuss führte nicht zu einem Schadensrückgang.
 
 
Vorkommen am Hochrhein und in der Schweiz
 
Ähnlich stellt sich auch die Situation der Sikawildpopulation am Hochrhein und in der Schweiz (Kanton Schaffhausen) dar, die 1939 aus dem 180 ha großen Gatter Rohrhof in die Freie Wildbahn gelangte. 1911 wurden in dieses Gatter im Kreis Waldshut durch den Fabrikanten F. B e r t s c h i n g e r einige Exemplare Cervus nippon nippon, bezogen vom Basler Zoo, sowie auch Damwild eingesetzt. Das jetzige Verbreitungsgebiet auf deutscher Seite, etwa 10.000 ha groß, enthält einen Bestand von ca. 300 Stück (D. W i c k i 1983). Es ist hügelig mit steilen Tälern durchzogen und liegt 400 bis 600 m. ü. NN. Dieser Lebens­raum besteht aus 1/3 Wald und 2/3 Feld. An anderen Schalenwildarten kommen Reh­ und Schwarzwild vor. Die Forstleute beklagen Verbiss- und Schälschäden. Mit der Zu­nahme des Nadelwaldanteiles des ursprünglich überwiegenden Laubwaldes nahmen die Wildschäden zu. Ein starker Reduktionsabschluss von jährlich ca. 130 Stück Sikawild war die Folge. Durchschnittsalter und Trophäenstärke der Hirsche sind deswegen rückläufig.
 
Auch im angrenzenden Kanton Schaffhausen (Schweiz) klagen die Forstleute der Ge­meindeforsten über hohe Schäden durch das Sikawild, das hier ebenfalls gemeinsam mit dem zahlreichen Rehwild vorkommt. Gelegentlich wird auch Schwarzwild als Wechsel­wild angetroffen.
 
In den Kriegs- und Nachkriegswirren wechselte das Sikawild in größerer Zahl aus dem deutschen Hochrheingebiet (dort soll 1936 der Bestand im Gatter Rohrhof 420 Stück betragen haben) über die Grenze ein, wo es namentlich im Südranden ihm zusa­genden Lebensbedingungen mit zunächst relativer Ruhe sowie Wasser in den aufgelasse­nen Bohnerzgruben vorfand. Das ebenfalls freigelassene Damwild konnte sich nicht hal­ten und muss heute als ausgestorben gelten. Der Lebensraum ist ein bergiges Wald- und Feldgebiet, 400-640 m ü. NN, mit steilen Tälern. Auch hier mischen sich in den ursprüng­lichen Laubwald zunehmend Nadelholzplantagen. Außerhalb des Waldes wird in großem Umfange Weinbau betrieben. Das Verbreitungsgebiet enthält etwa 2000 ha Wald, der Si­kawildbestand beläuft sich auf 155 Stück im Jahre 1981 und auf etwa 75 Stück im Jahre 1983 bei einer Jahresstrecke von ca. 90 Stück (H.-U. Schönberger 1983)!
 
Durch den massiven Jagddruck findet eine weitere räumliche Ausdehnung des Sikawildes statt. Be­klagt werden Verbiss- und Schälschäden im Wald, vorwiegend an Nadelholz (anfänglich war der Schälschaden an Fichten sehr gering, es wurden Ulmen bevorzugt).
 
 
 
Ein starker Hirsch aus dem Südranden. Foto: Verner Hansen ©
 
Der Südranden ist ein Ausläufer des Juragebirges. Den Quaderkalken und dem Mergel des oberen, mittleren und unteren Malm aufgelagert und die ganze Hochebene des Süd­randens in einer Dicke von 5-30 m bedeckend, sind die bohnerzhaltigen Bolustone (Erz­lehme). Bohnerz wurde bis 1850 auf dem Südranden aus etwa tausend kleinen Löchern von ca. 10 m Durchmessern gewonnen, die noch heute zu finden sind. Während das Was­ser in den Kalkgebieten an den Steilhängen rasch abfließt, hält es sich recht lange in den vielen alten Erzgruben. Diese Löcher werden von den Sikas (und Sauen) gerne zum Schöp­fen und Suhlen angenommen. Der Eisenerzabbau hat mit seinem großen Holzbedarf bei der Verhüttung die Forstwirtschaft wesentlich beeinflusst. Durch Niederwaldwirtschaft wurde mit den Stockausschlägen von Rotbuche, Esche, Ahorn und Hainbuche eine rasche und billige Brennholzproduktion erreicht.
 
Die heutige, moderne Forstwirtschaft sieht na­türlich ganz anders aus. Auf den in Hochwald umgewandelten Flächen stockt nun zu 50 % Laubholz mit Buche, Eiche, Esche, Ahorn, Hainbuche, Erle, Mehlbeerbaum, Kirsche und Ulme und zu anderen 50 % Nadelholz mit Fichte, Kiefer, Weißtanne, Lärche und Douglasie. Kahlflächen werden nach dem Hieb meistens rasch wieder aufgeforstet. Auf ihnen finden sich schnell Brombeere, Königskerze, Tollkirsche, Huflattich und Seggen ein. Kulturen werden in den ersten Jahren jährlich einmal ausgemäht. Dort stellen sich dann Löwenzahn, Pfeifengras, Kleearten, Seggen, Simsen und Wicken ein. Wildäcker werden nicht angelegt. Das konkurrierende Rehwild ist mit 16 Stück/ 100 ha Waldfläche vorhanden. 95 % des Waldes sind im Besitz der Gemeinden, 5 % gehören kleineren Wald­besitzern.
 
Im Kanton Schaffhausen besteht das Revierjagdsystem, wie auch im benachbarten Ba­den, wo man 1937 für das Rehwild eine starke
Äsungskonkurrenz durch das Sikawild be­fürchtete und somit vermehrte Fegeschäden. Es wurde daher von Anfang an ein weitge­hender Abschuss für die deutschen Reviere angeordnet. In der Schweiz war dagegen ein Abschuss nur mit Sondergenehmigung möglich. In den Jahren 1950 bis 1965 wurden jähr­lich ca. 10 Stück Sikawild erlegt, das erst 1965 zum jagdbaren Wild mit offizieller Jagdzeit erklärt wurde. Interessant ist der folgende Bericht von H.-U. Schönberger, H. Mat­zinger und G. Schwyn, 1988:
 
„Im Jahr 1973/74 führte das Kantonale Forstamt 1. Kreis Schaffhausen eine Wildscha­denerhebung in den Revieren Wilchingen, Osterfingen, Neunkirch und Guntmadingen durch. Die Ergebnisse dieser Schadensaufnahme waren nicht erfreulich. Als Folge dieser Schadensbilder, vor allem der Schälschäden, wurden für die Jagdgesellschaften des Süd­randens spezielle Bestimmungen in die Jagdpachtverträge aufgenommen:
 
  1. Der Bestand an Sikawild ist auf 3,5 Stück/100 ha Waldfläche zu reduzieren. Zielbe­stand bei 1936 ha Wald sind 68 Stück.

  2. Die Sika-Kommission, bestehend aus je einem Vertreter des Gemeinderates (Forstre­ferent) und dem Obmann der Jagdgesellschaften, legt aufgrund der Wildzählungen und des anzustrebenden Zielbestandes die jährlichen Abschusszahlen fest.

  3. An die Kosten der Wildschadenverhütung zahlen die Jagdgesellschaften zusätzlich zur Pacht eine Pauschale von 12,- SFr/ha Waldfläche. Wird die festgesetzte Abschuss­zahl zu weniger als 90 % erreicht, wird die Zahlung um den gleichen Prozentsatz er­höht, als der fehlende Abschuss ausmacht.
Dieses Bußgeld, das bei Nichterreichen des Abschusses zu zahlen ist, dürfte in der euro­päischen Jagdgeschichte einmalig sein. Hoffentlich bleibt es auf unser Jagdgebiet be­schränkt.
 
Wie die Jagdstatistik ausweist, waren die Bestrebungen zur Bestandsreduktion nicht von Erfolg gekrönt. Die Wildzählungen der Jahre 1970-1976 ergaben einen durch­schnittlichen Frühjahrsbestand von 111 Stück, mit einer Spitze im Jahr 1970 (138 Stück) und einem Tiefstand von 80 Stück im Jahr 1976. Demgegenüber schwankte der Bestand in den folgenden 11 Jahren zwischen 84 Stück (1977) und 155 Stück (1981), bei einem Durchschnitt von 113 Stück. Gleichzeitig stiegen die Schälschäden massiv an, was weite­ren ultimativen Abschussforderungen rief.
 
Die Abschusszahlen ergaben für die Jahre 1966-1976, also seit Freigaben der Jagd, ins­gesamt 557 erlegte Stücke, im Jahresdurchschnitt 51. Davon waren 38 % Hirsche und 62 % Kahlwild. In den folgenden 11 Jahren, 1977-1987, betrug die Gesamtstrecke 896 oder 81 Stück pro Jahr. Der Anteil der männlichen Tiere stieg auf 45 %. Trotz der massi­ven Abschüsse verringerte sich der Bestand nicht. Berechnungen ergaben, dass sich der Be­stand in den letzten 7 Jahren ohne Zu- und Abwanderungen auf höchstens 500 Stück hätte vermehren dürfen. In der gleichen Zeit wurden jedoch 561 Stück erlegt, und die Zählung vom Frühjahr 1988 ergab 109 Stück. Strecke und Endbestand waren somit um 50 % höher als der errechnete Bestand. Mit der Dunkelziffer allein lässt sich dieses Phänomen nicht erklären.
 
Es muss eine kräftige Zuwanderung aus den benachbarten deutschen Revieren stattfin­den. Es ist durchaus denkbar, dass infolge der dortigen schonenderen Bejagung eine ge­wisse Überbevölkerung herrscht und einen Teil der Tiere in unsere verdünnten Reviere abwandern lässt. Diese Gedanken lassen sich untermauern durch die Tatsache, dass wir je­weils im Nachwinter, nach Abschluss der Jagdzeit, plötzlich mehr Rudel sehen als vorher.
 
Andererseits wanderten nachweislich kleinere Rudel nach Nordwesten ins Wutachtal und nach Norden ins Randengebiet aus. Sie sind dort stellenweise bereits zum Standwild geworden. Wenn es auch hier zu Schälschäden kommen sollte, hat die verschärfte Beja­gung im ursprünglichen Verbreitungsgebiet letztlich nur eine Vergrößerung der Schadens­fläche bewirkt. Da wird auch die von der Forstseite durchgedrückte Forderung nach ganzjäh­riges Bejagung, wenigstens außerhalb des ursprünglichen Verbreitungsgebietes, nicht viel helfen."
 
Tab. 1: Abschuß- und Fallwildzahlen 1966-1987 (Schweiz)
 
(Reviere Guntmadingen, Neunkirch, Osterfingen und Wilchingen) Sikawild ist seit 1966 jagdbar. 1966-1969 sind nur Gesamtzahlen bekannt.
 
Jahr
Abschuss und
Fallwild
 
Zählung resp. Schätzung
 
männlich
weiblich
Total
Total
1966
 
 
27
 
1967
 
 
34
 
1968
 
 
42
 
1969
 
 
62
 
1970
23
37
60
138 Zählung durch Jagdgesellschaft
1971
19
31
50
124 Zählung durch Jagdgesellschaft
1972
25
38
63
104 Zählung durch Jagdgesellschaft
1973
17
34
51
113 Zählung durch Jagdgesellschaft
1974
29
44
73
121 Zählung durch Jagdgesellschaft
1975
18
39
57
97 Zählung durch Jagdgesellschaft
1976
18
20
38
80 Zählung durch Jagdgesellschaft
1977*
20
23
43
84 Zählung durch Jagdgesellschaft
und Forstdienst
1978
28
28
56
 
1979
32
37
69
127
1980
33
44
77
 
1981
48
57
105
155 (!)
1982
41
39
80
 
1983
29
31
60
75
1984
35
30
65
 
1985
49
46
95
103
1986
41
75
116
 
1987
45
84
129
135
 

* Ab 1977 werden jedes 2. Frühjahr im ganzen Hegering gleichzeitig an 2 Daten Zählungen, teils aus Autos, teils vom Ansitz durchgeführt. Die Höhe der Zählergebnisse ergibt dann die Grundlage für das Abschussdiktat für die nächsten beiden Jahre.

Wildbestandsbewirtschaftung und Bejagung lassen sich also in drei Abschnitte mit recht unterschiedlicher Intensität unterteilen:

  1. Eine sehr zurückhaltende Bejagung mit Einnzelabschuss-genehmigungen bis 1965,

  2. Eine biologisch orientierte Bejagung bis etwa 1974 mit dem Ziel, Altersaufbau und Ge­schlechterverhältnis (GV) einzupendeln, nachdem das Sikawild zum jagdbaren Wild erklärt wurde. In dieser Zeit erlebte der Bestand einen qualitativen Aufschwung,

  3. Eine dritte Phase, ab etwa 1975, die durch einen radikalen Reduktionsabschuss ge­kennzeichnet ist, der mit verstärkten Wildschäden infolge großflächiger Umwandlun­gen von Laub- in Nadelholz begründet wurde (Verknappung der Äsungsvielfalt im Nadelholz).
Die jährliche Abschussplanung basiert auf der Frühjahrszählung, die von Jägern und Forstpersonal durchgeführt wird. Der Frühjahrsbestand, zzgl. des zu erwartenden Zu­wachses wird als Istbestand dem Sollbestand von 68 Stücken gegenübergestellt. Der Diffe­renzbetrag geht in die Abschlussplanung ein.
 
Die Forstwirtschaft strebt ein GV von 1:1 an, während die Jäger wegen des angeschlage­nen Bestandes derzeit zu einem GV von 1:1,5 tendieren, um dann später, nach Abschluss des Reduktionsabschusses das GV zugunsten der Hirsche zu verschieben.
 
Die hohen Abschussquoten in Verbindung mit den Strafbestimmungen bei Nichterfül­lung der Planung haben natürlich dazu geführt, dass der Wahlabschuss durch Zahlab­schußss ersetzt werden musste. Trotzdem wird versucht, wenn die Möglichkeit dazu besteht, den Abschuss nach den folgenden Kriterien durchzuführen:
  1. Starker Eingriff in die Jugendklasse. Entnahme von Spießern unter 15 cm Stangen­länge.

  2. Geringer Eingriff in die Mittelklasse.

  3. Erntehirsche über sieben Jahre (kommen jedoch kaum noch vor!).
Insgesamt wird versucht, den Wildbestand dem durch forstliche Maßnahmen verän­derten Lebensraum anzupassen, ihn dann aber entsprechend der biologischen Vorgaben zu gliedern und damit seine Qualität zu heben.
 
 
Vorkommen Weserbergland
 
Die Sikakolonie an der Weser entstand 1933 mit der Errichtung des 31 ha großen „Lau­gatters" durch den Freiherrn Karl v. Wolff - Metternich, das früher der Rehwildzucht diente, im Kreise Höxter. 1940 entwichen einige Tiere aus dem Gatter, ein Hirsch wurde zusätzlich freigelassen. So entstand ein kleiner Bestand im Corvey' schen Revier Blan­kenau des Herzogs von Ratibor. 1945 wurde das Gatter abgerissen, weil die Besatzungs­truppen das Wild von der Straße aus immer wieder mit Maschinenwaffen beschossen.
 
Das Sikawild stammte von Carl Hagenbeck, Altona. In den folgenden Jahren wurden noch sechs Hirsche und ein Tier vom Frankfurter Zoo, dem Tiergarten Nürnberg, dem Zoo Wuppertal und vom Wildpark Schirmecke, die in einem angrenzenden Wildpark gehalten wurden, dazu ausgesetzt. Auf diese Weise entwickelten sich zwei Phänotypenheraus, der­jenige des C. nippon nippon und derjenige des C. nippon hortulorum mit den jeweils un­terschiedlich langen Geweihformen.
 
Das Kerngebiet hat eine Größe von 1800 ha. Der Le­bensraum ist bergig mit steilen Tälern, 2/3 Wald, 1/3 Feld. Er umfasst ein Gebiet von 42 qkm und wird begrenzt im Norden von der Nethe, im Osten von der Weser, im Süden von der Bever und im Westen von größeren Orten, wie Dahlhausen und Amelunxen. Der überwiegende Laubwald in 150-350 m ü.NN stockt auf kalkhaltigem Grundgestein bei 850 mm Niederschlag. Er besteht aus Buche, Eiche und Esche. 35 % sind Nadelholz. In der Landwirtschaft dominiert der Getreideanbau, die steilen Lagen dienen der Weidewirt­schaft. Wegen der günstigen Äsungsverhältnisse werden nur wenige Wildäsungsflächen unterhalten.
 
Der Perlgras-Bingelkraut-Waldmeister-Waldgersten-Buchenwald herrscht vor und bietet ausreichende Nahrung auch dem ebenso dort reichlich vorkommenden Rehwild. Schwarzwild ist Wechselwild.
 
Die Schäden in der Land- und Forstwirtschaft sind gering, denn die Forstkulturen wer­den alle gegattert (zunächst vorwiegend Fichte und Douglasie, danach Laubholz). Ein ge­wisser Schälschaden findet ausschließlich an der Esche statt. Das Sikawild wird in 13 Jagd­bezirken mit Größen zwischen 90 und 350 ha bewirtschaftet.
 
Die Verkehrsverluste betra­gen 5 % der Jahresstrecke (ca. 15 Stück) bei einem Gesamtbestand von 65 Stück. Der seit über 20 Jahren bestehende Sikahegering bemüht sich um eine Verbesserung der Bestan­desgliederung nach den Geschlechtern und des Altersaufbaus (F. Hake 1988).
 
 
Vorkommen in Dänemark
 
In den dänischen Vorkommen (C. nippon nippon), besonders in den großen Privatwal­dungen von Frijsenborg, gibt es genügend Äsung, Deckung und Ruhe. Nach zeitweilig stärkerem Jagddruck konnte vermehrt Schälschaden an Nadelholz festgestellt werden, je­doch in keinem bedrohlichen Umfang, wie sich die I.A.G.S. auf ihrer Exkursion 1980 überzeugen konnte. Die Verbreitungsgebiete sind flach bis stark hügelig. Die Waldgebiete und landwirtschaftlichen Flächen sind häufig mit Mooren durchsetzt, also ideale Sikabio­tope.
 
 
Vorkommen in Schottland
 
Kaum oder kein Wildschaden wird aus den Vorkommen von Schottland (C. nippon nippon) gemeldet. Hier, am Loch-Ness-Gebiet ist das Gelände bis zu 350 m hoch, bergig, teils felsig mit rotem Sandstein.
 
Laubholzeinstände werden bevorzugt. Nadelholzkultu­ren werden gegattert, allerdings gegen das ebenfalls vorhandene Rotwild, das aber kaum als Nahrungskonkurrent auftritt, da es nur in den Randgebieten vorkommt. Rehwild ist jedoch überall vorhanden. Die privaten Grundbesitze und die staatlichen Areale der Forestry Commission sind zwischen 2000 und 8000 ha groß.
 
Die Landbesitzer dürfen auf ihrem Besitz den Wildbestand eigenmächtig bewirtschaften und regulieren (Macnally, L. 1980). Die Großräumigkeit bewirkt optimale Ruhe, eine Stress-Situation ist nicht ge­geben.
 
 
Vorkommen in Irland
 
Ebenfalls Ruhe findet das Sikawild (C. nippon nippon) in Irland, Killarney National Park, hier jedoch durch die hervorragende Deckung aus Eiche mit Ilex und Rhododen­dron, sowie Nadelholzplantagen.
 
Es lebt hier mit 400 Stück Rotwild auf 2000 ha zusam­men und bildet einen Bestand von 800 Stück! 5 % sind landwirtschaftliche Flächen.
 
 
Vorkommen in Ungarn
 
Keine Waldschäden verursacht das Sikawild in Ungarn (C. nippon nippon und C. nip­pon hortulorum), wo allerdings für den 115 köpfigen Bestand eine intensive Winterfütte­rung, 100 ha Wildwiesen, zahlreiche Salzlecken und auch Suhlen unterhalten werden! Hinzu kommt ein reiner Laubwald aus Eichen und Buchen mit guten Mastmöglichkeiten. Typisch sind hier der Eichen-Zerreichen-Wald (Quercetum petraeae cerris), der strauch­artige Karstwald mit Eschen und Eichen (Querceta pubenscentis), sowie der Weißbu­chen-Eichen-Mischwald (Querco petraeae carpinetum).
Laszlo Markovic schreibt 1985: „Die Mezöfölder Staatliche Forst- und Wildwirt­schaft betrachtet auch künftig die Hege und qualitative Verbesserung des in Ungarn nur in Fehervärcsurgö vorkommenden Sikawildes, in dem wir ein würdiges Dekor für den europäischen Laubwald sehen, als eine ihrer vorrangigen und wichtigen Aufgaben".
 
 
Vorkommen in Tschechien
 
Die Sikas (C. nippon nippon), die im tschechishen Bouzovsko vorkommen, besiedeln ein Gebiet von 21.000 ha und bilden einen Bestand von 450 Stück, aus dem jähr­lich 190 Stück erlegt werden. Das wellige Gelände liegt 320-596 m ü. NN und besteht je zur Hälfte aus Ackerland und Wald, der sich wiederum in je 50 % Laub- und Nadelwald gliedert. Dort, wo ebenfalls Muffelwild auftritt, gibt es einige Forstschäden, vermutlich durch die Unruhe, die das Muffelwild verbreitet. Auf dem Feld gibt es gelegentlich Schä­den im Mais.
 
Das Vorkommen Pilsen-Nord (C. n. nippon und C. n. hortulorum) besiedelt einen ähnlich strukturierten Lebensraum mit einem Bestand von 874 Stück auf einer Flä­che von 30.000 ha (L. Bartos 1985). Das Wild stammt aus Gattern ehemaliger Böhmi­scher Großgrundbesitzer vor und um 1900. Diese suchten Ersatz für das Rotwild, das un­erträgliche Schäden in Land- und Forstwirtschaft machten. Bevorzugte Einstände sind Laub- und Mischwaldbestände mit reicher Krautschicht. Bei ärmeren Biotopen, wie z. B. den reinen Fichten- und Kiefernkulturen bei Pilsen werden jedoch die landwirtschaft­lichen Flächen auch in größerer Entfernung aufgesucht. Manchmal kehrt das Wild erst nach der Getreideernte in den Wald zurück. Durch zeitweilige Überhege ist der Bestand überhöht. Hierdurch und durch die erhebliche Unruhe durch Waldbesucher geht das Wild zu Schaden. Jaroslwav Svarc schreibt 1980 dazu:
 
„Schäden in der Forstwirtschaft entstehen durch Sommer- und Winterschäle an jungen und mittelalten Waldbeständen, ferner durch Verbiss in Forstkulturen. Unerträglich wer­den die Schäden allerdings in überhegten Revieren.
 
In den durch Pflanzung begründeten Forstkulturen werden durch Verbiss meistens alle Pflanzen beschädigt, wobei die Laubhölzer, soweit sie nicht eingegattert wurden, ganz vernichtet werden. Das Ergebnis sind dann lückige wertlose junge Waldbestände, bei de­nen dann manchmal im Alter von 30 Jahren eine Neubegründung in Erwägung gezogen werden muss.
 
Sommer- und Winterschäle entstehen in Beständen der I. und Il. Altersklasse, mitunter auch in der III. Im Kiefernjungwuchs mit einer Höhe zwischen 3 und 4 m und im Alter von 20 Jahren schält das Sikawild die Rinde zwischen Astquirlen. Diese Schäden werden oft übersehen. Später kann das zu erheblichen Schneebruch oft auf der ganzen Fläche füh­ren.
 
Die Fichte schält das Sikawild auf dem ganzen Stammumfang, in Längen von 60 bis zu 120 cm und an den Wurzeln. Damit eröffnen sich die Wege zu einem starken Befall durch holzzerstörende Pilze.
 
Schälschäden entstehen in den Frühlingsmonaten. Zu den gravierendsten Schäden kommt es durch Sommerschäle, vor allem im Monat August.
 
Beträchtliche Schäden verursacht das Sikawild an den landwirtschaftlichen Kulturen, besonders in Gebieten, in denen unter dem Einfluss einer Besucherinvasion in die Wälder das Sikawild aus den Wäldern in die Felder ausweicht und dort bis zur Getreideernte ver­bleibt. Schäden entstehen dann durch das Niedertreten des Getreides, durch Abäsen der Ähren in der Milchreife, der Hülsen- und Ölfrüchte, sowie durch Ausgraben und Ausrei­ßen der Hackfrüchte. Häufig werden ungeschützte Obstbäume in der freien Landschaft geschält. Es ist eine markant zunehmende Tendenz der durch das Sikawild verursachten Schäden festzustellen. Die Lösung dieses Problems erfordert entsprechende energische Hege- und Schutzmaßnahmen.
 
In der Zukunft sollten durch planmäßige Hege die überhöhten Wildbestände abgebaut und der Tragfähigkeit des jeweiligen Lebensraumes angepasst werden. Um das zu errei­chen, wurden für das Sikawild Hegegebiete gegründet, in denen das Sikawild nach glei­chen Gesichtspunkten bewirtschaftet wird".
 
Bei der Reduzierung sollte darauf geachtet werden, dass weiterer Stress vermieden wird, z. B. durch hohen Abschuss auf wenigen Drückjagden. Auch sollte an eine Lenkung der Besucherströme gedacht werden, um den Dauerstress des verbliebenen Bestandes nach­haltig zu verringern.
 
 
Österreich und Russland
 
vermelden keine erheblichen Schäden durch das Sikawild.
 
 
Polnische Vorkommen
 
Der polnische Sikawildbestand in Kobiof (Kobierer Forst, Oberschlesien) entwickelte sich aus 1 Hirsch und sechs Tieren, die aus England eingeführt wurden (C.n.n.). Schon 1910 wurden alle 54 Nachkommen in die freie Wildbahn ausgesetzt. 1915 gab es bereits einen Bestand von 240 Stück, der einen Raum von 11.000 ha besiedelte. Nun setzte eine starke Wilderei ein, als dieses Gebiet nach dem 1. Weltkrieg zu Polen kam. Schon 1922 gab es nur noch 12 Stück! Durch später einsetzende intensive Hege wuchs der Bestand aber wieder auf 121 Stück im Jahre 1939 an.
 
In den Kriegs- und Nachkriegswirren sank der Be­stand abermals fast bis zum Erlöschen ab auf 5 Stück, konnte aber wiederum durch Hege gerettet werden. 1983 betrug der Bestand 52 Stück auf einem Areal von 4000 ha. Er ver­trägt sich gut mit dem Rot-, Dam- und Rehwild. In der Brunft werden jedoch manchmal junge Rothirsche von älteren Sikahirschen angegriffen. Alle Schalenwildarten genießen eine ausreichende Winterfütterung, Wildschäden sind gering.
 
Aus dem Gatter in Cadinen an der Ostsee, in das 1910 ein Spießer und zwei Tiere einge­setzt wurden (14 ha), setzte man 1925 23 Exemplare (C. n. n.) in die umliegende Wildbahn. 1941 gab es schon 150 Stück, 1981 waren es 173 und 1983 97 Stück. Der letzte Rückgang wurde durch Wölfe verursacht, die mit 29 Exemplaren das Sikawild derart auseinander­jagten, dass man erst einen Totalabschuss erwog. 9 Wölfe wurden erlegt. In der Oberförste­rei Kadyny (Cadinen) nahmen die Schäden nun erheblich zu, insbesondere der Verbiss und die Schäle. Durch Verschiebung des GV bis hin von 3:1 zu Gunsten der Hirsche versuchten die Jäger die Schäle zu vermindern. Als Waldtyp herrscht ein Buchenwald mit Erle und Esche auf frischem, braunem Boden auf Lehm und Sand einer Stirnmoräne. Das Revier weist 200 m hohe Hügel mit steilen Abhängen und Schluchten auf und ist 4500 ha groß. An anderen Schalenwildarten kommen Rehe und Sauen vor.
 
Zum Schluss möchte ich zwei Vorkommen vergleichen mit recht gegensätzlichen Ver­hältnissen. In beiden befindet sich ein etwa gleich hoher Wildbestand, derselben Unterart (C. n. n.). In dem einen wird wenig, im anderen extrem viel Wildschaden angerichtet. Es handelt sich um die Sikas in Ostangeln/Schleswig-Holstein und um die Sikas im südeng­lischen Newforest.
 
Zunächst zum:
 
 
Vorkommen in Ostangeln/Schleswig-Holstein
 
Die Kernreviere in Ostangeln und Schwansen sind sehr ähnlich strukturiert: 30 m ü. N N, ebenes Ackerbaugebiet mit bestem, schwerem Lehmboden, örtlich sandiger und anmoo­rig. Das Klima dieser Moränenlandschaft ist rein atlantisch geprägt mit milden Sommern und meist schneearmen Wintern. 20 % des Gebietes ist mit kleineren Gehölzen und Wäl­dern bestockt, vornehmlich mit Laubmischwald aus Buche, Eiche, Esche, Erle und Ahorn.
 
Nur 15 % des Waldes bestehen aus Nadelholz (Fichte, Sitkafichte und jap. Lär­che). Die Schalenwilddichte ist recht hoch, da neben dem Sikawild auch reichlich Dam­wild und Rehwild vorhanden ist. Trotz des hohen Bestandes hält sich der Schaden in Grenzen.
 
 
 
Sikahirsche messen gerne ihre schier unerschöpflichen Kräfte miteinander, nicht nur in der Brunft, wenn es Ernst ist, sondern auch im Winter aus lauter Übermut. Diese Spielereien brauchen die vitalen Sikahirsche anscheinend zum Abreagieren ihrer „überschüssigen" Kräfte. Wenn nun das GV nicht in Ordnung ist und zu wenig Raufbolde vorhanden sind, müssen die Bäume „daran glauben", die mit den Geweihen und ihren spitzen Enden übel malträtiert werden. Dieses „Rindenritzen" al­leine würde noch keinen allzu großen Schaden bedeuten, wenn nachfolgendes Sikawild nicht durch den anziehenden Duft, der aus der angeritzten Rinde ausströmt, zum Schälen animiert würde! Um diesen dritten Lernprozess zu unterbinden, kann man nichts besseres tun, als das Geschlechterverhältnis zu Gunsten der Hirsche zu verbessern, nur dann lassen sie von den Eschen und manchmal Fichten ab. Auch das ist geschehen und der Schaden behoben. Foto: Ernst Klettner ©
 
Durch das neue Waldbetretungsrecht der 70er Jahre und das zunehmende „Erholungs­bedürfnis" der Bevölkerung sowie die anwachsende Beweglichkeit mit eigenen Autos in immer mehr Freizeit, nahm der Ausflugtourismus bedrohliche Formen an. Das Wild ge­riet zunehmend in Stresssituationen und konnte den natürlichen Lebensrhythmus mit Äsen, Wiederkäuen, Ruhen nicht mehr ungestört einhalten. Die Wildschäden stiegen merklich an, besonders auch in den Feldern, in die sich das Wild bei den permanenten Stö­rungen im Walde zurückzog. Mit viel Umsicht und Einsicht konnten behördlich gesperrte Ruhezonen eingerichtet werden. Seitdem ist das Wild, nicht nur das Sikawild wieder viel ruhiger und geht weniger zu Schaden.
 
Einzelne im Winter für das Wild umgesägte minderwertige Eschen oder Ahorne führen zur totalen Schälung dieser Bäume bis in die kleinsten Äste. Mit dieser Maßnahme wurde versucht, das Wild von den stehenden, guten Stämmen fernzuhalten. Das gelang aber nicht immer, ja man brachte das Wild manchmal sozusagen erst auf den Geschmack. Gut ist aber eine wohl zusammengesetzte Frühjahrsfütterung, z.B. mit Zuckerrüben und ein­gelagerten Äpfeln. H. H o f f m e i s t e r empfiehlt Zuckerrübenschnitzel, denn wenn die physiologische Winterruhe vorbei ist, werden mehr Kalorien gebraucht. Zahlreiche Wild­äcker und das reiche Nahrungsangebot auf den landwirtschaftlichen Flächen mit Wei­zen, Raps, Bohnen, Rüben und neuerdings Leckereien wie Klee, Lupinen und Sonnenblu­men auf den Feldern des Flächenstillegungsprogrammes halten das Sikawild ebenfalls vom Schälen im Walde ab. In der Ostangler Sikakolonie bestehen also optimale Verhält­nisse, bedingt durch einen guten Standort und hegerische konsequente Maßnahmen. Neue Gefahren drohen nun von Seiten vieler selbsternannter Naturschützer, Natur­freunde, Ornithologen und Kartierer aller Richtungen, die mehr und mehr auch von den Behörden geschickt werden, um das „gläserne Revier" zu schaffen. Zu allen Tages- und Unzeiten wimmeln jetzt Standortkartierer, Orchideenkartierer, Bodenkartierer, Greif­vogelhorstkartierer, Fließgewässerkartierer und andere „Naturfreunde" durchs Revier, natürlich ohne Anmeldung oder Absprache. Ein neuer Stress ist programmiert, bald wird wieder geschält und neuer Reduktionsabschuss gefordert, natürlich von den Kartierern.
 
 
Vorkommen New Forest/England
 
Doch nun zu den Sikas im englischen New Forest , wo die Dinge genau anders herum liegen als in Angeln. Im Jahre 1079 erklärte König William I. ein großes Gebiet in Hamp­shire zum Jagdgebiet und nannte es New Forest. Es wurde 600 Jahre von den Königen be­jagt. Der letzte dort jagende König war James IL, der 1701 starb. Die Forstgesetze dienten nur dem Jagdbetrieb und waren den dort ansässigen Bauern wegen der großen Einschrän­kungen sehr verhasst. Verstöße wurden mit drastischen Strafen geahndet. Zur Beruhigung der Bevölkerung wurden später ihre Rechte verbrieft (Rights of Common), z.B. Schwei­neeintrieb. Als das Interesse an der Jagd nachließ, rückte die Holzproduktion in den Vor­dergrund, die durch die Hutungsrechte stark beeinträchtigt wurde. So wurde 1482 ein von den Commonern verhaßtes Gesetz erlassen, nach dem es gestattet war, Jungwuchs so lange einzufriedigen, bis er durch das Vieh nicht mehr geschädigt werden konnte. Seit 1877 ist nun ein Maximum der gegatterten Flächengrößen festgelegt. Der New Forest ist heute 37.000 ha groß, er besteht aus Privatland, 8600 ha gegatterten Kulturen (60 % Na­delholz, 30 % Laubholz, 10 % Mischwald), 3300 ha im Urzustand belassener Hutewald (Laubholz und Kiefer), sowie 14.700 ha „Open Forest" mit Lichtungen, fruchtbaren Tal­gründen, verwilderten Weide-, Heide- und Sumpfflächen mit Farnkraut und Stechgin­ster. Eine Forstkammer überwacht die Bewirtschaftung, Einhaltung der Gesetze und schlichtet Streitigkeiten. Zu Anfang dieses Jahrhunderts wurden einige Sikas (C. n. n.) in ein Gebiet des New Forest ausgesetzt, das 2400 ha Wald,1600 ha Heide und 2300 ha Felder aufweist. Das Sikawild wird von der Forestry Commission bewirtschaftet, es bildet heute einen Bestand von 250 Stück.
 
Große Wildschäden machen erhebliche Sorgen im New Forest. Man findet alle denkba­ren Arten von Schäden: Verbiss, Schäle und Rindenschädigungen durch das Geweih sowie Äsungs- und Lagerschäden in den Landwirtschaft. Das Rindenritzen durch die Geweihe nennt der Engländer „scoring", es wird von keiner anderen Wildart außer von Sikawild verursacht. Nur im New Forest und teilweise in der Bowlandkolonie finden sich diese Art von Schäden, sonst in keinen der anderen zahlreichen britischen Sikakolonien. Picea ab­ies und sitchensis wurden über 80 % geschädigt, gefolgt von Fraxinus excelsior mit 50 %, Pseudotsuga menziesü und Larix kaempfer mit 30 %. Andere Baumarten lagen unter 20 %. Bei Nadelhölzern wurden generell stärkere Schäden als bei Laubholz festgestellt. Schwächere Stämme mit Brusthöhenumfängen von 270-600 mm wurden bevorzugt (außer Fichte). Was sind die Ursachen? Nach allem Vorgesagtem können wir es uns schon denken: Unruhe und Stress. Dazu nur einige Beispiele für dieses Gebiet:
 
Bis 1920 größte flächenmäßige Verbreitung, dann einsetzende Reduktion. Bestand 1930 ca. 150 Stück. Senkung des Bestandes bis 1949 auf 20 Stück durch Wilderei im Be­reich von Beaulieu Manor. 1979 belief sich der Gesamtbestand wieder auf 171 Stück.
 
Bis 1960 erfolgte der Abschuss wahllos, nur zahlenmäßig begrenzt, auf Treibjagden. Dann Umstellung auf Wahlabschuss. Bestandesschwankungen dann durch Abholzen von Alteichen (Verlust der Mast) und Vernichtung des Unterholzes (Verlust der Deckung). Bei hohen Wildpretpreisen setzte starke Wilderei ein. 10 % des Gesamtbestandes wurden ge­wildert mit Schusswaffen, Fallen und Hunden (Windhunden). Beunruhigung des Wildes durch Beobachtung des Brunftgeschehens durch die Bevölkerung. Streunende Hunde. Verdrängen des Wildes durch Ponies und Vieh aus den Einständen und Äsungsflächen. Das Wild wechselt dann viele km in das Feld zur Nachtzeit. Der dabei entstehende Wild­schaden führt zu höheren Abschussquoten. Starke Beunruhigung durch intensive Beja­gung von Waldfasanen usw. usw. ...
 
Die vorstehenden Darstellungen basieren hauptsächlich auf Veröffentlichungen und Berichten der Sikaobleute aus den jeweiligen Sikagebieten und auf eigenen Beobachtun­gen und Untersuchungen im Rahmen der I. A. G. S. - Recherchen. Daraus ergeben sich ein­deutige Erkenntnisse.
 
 
Erkenntnisse
 
Die forstlichen Auswirkungen, die vom Sikawild ausgehen, sind abhängig von vielen Faktoren, wie z. B. Standort, Bestandesdichte, Äsungsverhältnisse, GV, Störungen usw., von denen wir die meisten beeinflussen können, wenn wir es wollen und gesundes Augen­maß walten lassen. Sorgen wir für natürliche Standort- und Lebensverhältnisse, so ist das Sikawild in punkto Wildschäden im Vergleich zu anderen Schalenwildarten recht unpro­blematisch. Nicht ohne Grund wurde es an vielen Orten anstelle anderer „schädlicherer" Hochwildarten eingeführt. Vernachlässigt man jedoch sträflicherweise die notwendigen Umweltbedingungen des Sikawildes, indem man z.B. Fichtenmonokulturen anlegt, das GV nicht beachtet, hohen Jagddruck ausübt, Unruhe durch zu hohen Tourismus oder schlecht organisierten Einschlag zulässt oder Äsungsbedürfnisse außer acht lässt, darf man sich nicht wundern, wenn selbst das Sikawild anfängt, Wildschaden anzurichten! Wichtig ist vielmehr, Unruhequellen zu beseitigen, dann lassen die Schäden erheblich nach, beson­ders in kleinen, durchsichtigen Revieren mit Waldstücken bis zu 100 ha Größe. Wenn schon Reduktionsabschüsse sein „müssen", dann müssen sie plötzlich geschehen und sich ausschließlich auf das Kahlwild beziehen. So werden zwei wichtige „Fliegen mit einer Klappe geschlagen", nämlich Verminderung eines überhöhten Bestandes und das Verbes­sern des GV. Sollten aber zusätzlich keine Ruhezonen ausgewiesen werden, wird auch der letzte Hirsch noch schälen und zu dem berühmten „Argument" führen, es gäbe viel zu viel Wild!
 
Bei hohen Wildbeständen ergibt sich zwangsläufig ein hoher jährlicher Abschuss. Wenn man nun jedes einzelne Stück auf der Pirsch oder vom Ansitz schösse, wäre der Jagddruck zu groß und Unruhe stellt sich ein. Den Abschussplan sollte man daher an möglichst weni­gen Jagdtagen erfüllen, z.B. mit Ansitzdrückjagden. Dann hat das Wild nach einer hefti­gen, aber einmaligen Kanonade die übrige Zeit im Jahre Ruhe. Auch bei Einschlagsarbei­ten sollte man zügig vorankommen und nicht ständig und überall mal hier, mal dort einen Baum umsägen. Sikawild verbeißt und schält in stärkerer Intensität in großen zusammen­hängenden, mittelalten Monokulturen, die wenig Äsung bieten, und ob man bei einer ver­bissenen Fichtenplantage von ökologischem Schaden sprechen kann, sei nicht näher un­tersucht (E. Eick 1986).
 
Über eine I.A.G.S. – Exkursion nach Norddeutschland schreibt der schweizerische Lan­desvorsitzen der I.A.G.S. (heute (IGS/ISS) Günther Schwyn:
 
„Angesichts der überaus großen Schälschäden im Schaffhauser Sikagebiet waren na­türlich alle gespannt, wie sich die Situation in Norddeutschland präsentiert. Schon vorher war von geradezu gigantischen Schalenwildbeständen die Rede. Und nachdem uns von seiten der Forstwirtschaft immer rigorosere Auflagen betreffend Reduktionsabschüsse gemacht werden, konnten wir unsere Neugier fast nicht mehr zügeln, bis wir sahen, wie die norddeutschen Kollegen mit diesem Problem fertig werden.
Um es gleich vorwegzunehmen: dieses Problem existiert für sie fast nicht. Zwar fanden wir die sagenhaften Zahlen über Wildbestände bestätigt, aber die Schäden sind minimal, im Vergleich zu unsern Revieren fast nicht vorhanden. Woran liegt es? Zwei Beispiele mö­gen den Unterschied aufzeigen:
 
Nach Aussage des Jagdberechtigten in einem Revier in der Nähe des Möhnesees kamen dort vor einigen Jahren auf knapp 800 ha Wald 180 Stück Sikawild. Sie wurden schonend bejagt, d. h. im Einzelabschuss kam etwa der Zuwachs zur Strecke. Die Schäden waren, wie man so schön sagt, tragbar. Bis zum Moment, wo irgend jemand von der oberen Be­hörde auf die Idee kam, dass der Hirschbestand zu hoch sei. Folge: schärfere Bejagung - mehr Beunruhigung - Einsetzen massiver Schälschäden.
 
Das zweite Beispiel: Im Eigenjagdbezirk „Rundhof" (300 ha Feld, 200 ha Wald) stehen nach Mitteilung des Besitzers 200 Stück Schalenwild. Davon die Hälfte Damwild ein Drittel Sikawild und ca. 35 Rehe. Auf einer Rundfahrt durch das Revier konnten wir uns überzeugen: minimale Schäden! Der Waldbestand ist vorwiegend Laubholz (Buche/ Bergahorn/Esche). Eingezäunt wird nur dort, wo man die Naturverjüngung aufkommen lassen will. Sonst dient diese als Deckung und Äsungsmöglichkeit. Eine Erschließung mit festen Straßen ist dort weitgehend unbekannt. Das Gelände ist topfeben, man kommt mit Erdwegen aus, die meist nur mit allradangetriebenen Fahrzeugen befahren werden können.
 
Selbstverständlich fragten wir nach den Ursachen, die derart hohe Wildbestände recht­fertigen. Die Antworten waren ebenso eindeutig wie übereinstimmend: Ruhe im Revier! Wenn sich unsere norddeutschen Kollegen beklagten über ihr Waldgesetz, das Spazier­gänger am Waldrand duldet, hielten wir ihnen unseren Art. 699 ZGB mit der jetzigen, recht weitherzigen Auslegung unter die Nase - und sie fanden, da hätten sie geradezu pa­radiesische Zustände.
 
Zweite Bedingung: ausreichendes Äsungsangebot. Der Waldeigentümer, der sein Re­vier selber betreut und bejagt, kann hier natürlich besser nach seinen Interessen wirtschaf­ten. Einhellig wird die dritte Forderung - Deckung - als durchaus zweitrangig bezeich­net. Immerhin fanden wir die These bestätigt, dass nicht primär ein hoher Wildbestand zu Schäden führen muss."
 
Bei ordnungsgemäßer Hege und Bewirtschaftung richtet Sikawild kaum Schäden an. Minimale Schäden sind bei keiner Cervidenart ganz vermeidbar, sind auch im Wirt­schaftswald tragbar, selbst, wenn sie nicht vom Jagdpächter ausgeglichen würden, wie es das Jagdgesetz vorsieht. Wir Forstleute und Jäger sollten es unseren lobenswerten Kolle­gen, den ungarischen Forst- und Wildwirtschaftern gleichtun und im Sikawild sehen, was es ist: Ein würdiges Dekor im europäischen Wald!
 
 
Zusammenfassung
 
Die forstlichen Auswirkungen, die vom Sikawild ausgehen, sind gewöhnlich gering. In denjenigen Vorkommen, in denen gewissen Faktoren wie Ruhe, Äsung und Deckung nicht ausreichend vorhan­den sind, kann es, besonders durch Stresssituationen, zu Wildschäden wie Verbiss, Schäle und Rin­denritzungen, insbesondere bei jungen Monokulturen kommen. Auch ein Kahlwildüberhang im GV kann zu diesen Erscheinungen führen. Sikawild lässt sich nicht durch andere Wildarten stören, son­dern gerät nur durch menschliches Fehlverhalten in Stress.